Eines schönen Tages im Jahre 1970 schaffte es Hunter S. Thompson (1937-2005) nicht, einen Artikel für das Magazin “Scanlan´s Monthly“ vor Redaktionsschluss fertig zu schreiben. Er schickte lediglich einige seiner Notizen an die Redaktion. Anstatt das Ereignis – in diesem Falle ein Pferderennen – nüchtern und objektiv zu begleiten, beschrieb er die Atmosphäre und die Begleitumstände aus seiner eigenen subjektiven Sichtweise: „The Kentucky Derby is Decadent and Depraved“ wurde zur Blaupause des Gonzo-Journalismus. Nimmt man Thompson als Initiator des Gonzo, so war er unter den Journalisten der beste Schriftsteller und unter den Schriftstellern der beste Journalist.

Gonzo-Journalismus ist – nimmt man journalistische Kriterien wie Relevanz, Aktualität oder Fakten als Leitfaden– im weitesten Sinne Literatur.

Es ist eine Literaturform, die sich an der Berichterstattung als Stilmittel orientieren kann, aber auf die Kriterien des Journalismus (der trockenen Berichterstattung, Relevanz, Aktualität usw.) nicht den größten Wert legt. Im Vordergrund stehen hier die Unterhaltung, das Mitteilen von Eindrücken, der Autor als Erzähler und Protagonist zugleich.

Der Autor ist das Wichtigste, denn er steht im Mittelpunkt des subjektiven Journalismus.

Dieser wirft sich mit Haut und Haaren in ein Thema und wird beobachtender Teil einer entsprechenden Szene. Die Objektivität gerät in den Hintergrund, vielmehr geht es darum, durch eine subjektive Wahrnehmung über Ereignisse zu berichten, wie sie hätten sein können.

Er erfindet sich selber als literarische Figur, wird nicht nur Beobachter des Geschehens, sondern nimmt selbst daran teil, beeinflusst es.

Auf der Suche nach dem Traum vom optimalen Leben rast er meistens volles Risiko am Abgrund entlang.

Mal inszeniert sich der Autor als paranoides Wrack, mal als sanfter Romantiker mit gebrochenem Herzen oder auch als panisch Getriebener.

Meistens werden die feinen Risse im Gefüge der Gesellschaft aufgespürt und der Irrsinn, der einen umgibt, zum Sprechen gebracht.

Laut Thompson ist die „echte Wahrheit“ sowieso eine Verschmelzung zwischen Fakten und Fiktion. Alles ist wichtig und unwichtig zugleich.

Gute Fiktion kann oft mehr Wahres vermitteln, als bloßes objektives Beobachten und Berichten.

Gonzo-Journalismus ist widerborstig. Es wird nicht die Synthese, sondern das konsequente Scheitern gesucht, das gewitzte Unberechenbare, die anarchische Zumutung.

Um es mit den Worten Thomson zu verdeutlichen:

„Ich habe das Gefühl, ebenso gut könnte ich hier sitzen und die Worte zurechtzimmern, die ich auf meinem Grabstein haben möchte…und wenn ich fertig bin, dann bleibt mir als einzig passender Abgang der direkte Weg hinunter von diesem verdammten Balkon, hinein in den Brunnen, 28 Stockwerke tiefer und mindestens 200 Meter durch die Luft über die Fifth Avenue hinüber…Aber was, zum Teufel, soll´s? Ich werde es wahrscheinlich nicht tun und nochmal hundert Jahre mit diesem gottverdammten Kauderwelsch leben, das ich zusammenschwätze.“