Paleo Bild Illustration GONZO

Neulich rief mich ein alter Schulfreund an; er war gerade aus der niedersächsischen Provinz nach Berlin gezogen, um ein Studium zu beginnen. „Es ist wirklich der Hammer hier, endlich mal was los“, schwärmte er am Telefon. „Hier gibt es wirklich alles! Heute hab‘ ich einen getroffen, der sich wie in der Steinzeit ernährt. Ein Pagode. Nein, Pagade. Ist ja auch egal. Was es nicht alles gibt, nech?“ In der Tat. Vor meinem inneren Auge steht ein haariger Steinzeitmensch eine Keule schwingend in der Berliner U-Bahn. Brüllend reißt er einem Fahrgast mit Bierbauch und Glatze sein Leberwurstbrot aus der Hand. Der Glatzkopf guckt, als wäre gerade ein Ufo gelandet. Unga Bunga der Steinzeitmensch wiederrum wirft angeekelt das Wurstbrot weg. Ist ja gar nicht roh, denkt er sich in der Steinzeitsprache und schwelgt in der Erinnerung an ein schönes, blutiges Stück Säbelzahntigerkeule.

Zugegeben, diese Vorstellung ist ein wenig unrealistisch. Trotzdem frage ich mich: Steckt hinter dieser Ernährungsweise eine ernsthafte Philosophie oder ist sie möglicherweise eine Trotzreaktion auf den immer beliebter werdenden Vegetarismus und Veganismus in Deutschland? Auf der anderen Seite tummeln sich in den sozialen Netzwerken unter jedem Artikel über Ernährung Kommentatoren, die darauf pochen, dass nur das viele Fleisch die Menschen zu dem gemacht habe, was sie heute sind. Unwillkürlich sortiere ich sie in die Schublade derjenigen ein, die morgens Frikallenbrötchen, mittags Döner und abends Geschnetzeltes essen. Derjenigen, die wie Onkel Olaf bei jeder Familienfeier den Vegetarier fragen, ob er wirklich nicht die Rinderrouladen probieren will. Fragen, ob er eigentlich auch kein Alkohol trinkt. Denn jemand, der freiwillig auf Fleisch verzichtet, muss ja zwangsläufig wie im Zölibat leben. In meiner Vorstellung halten diese Pagaden ähnlich viel von einer extrem fleischhaltigen Ernährung wie Onkel Olaf. Der hebt Fleisch auf ein Podest, sagt, er wird von vegetarischen Gerichten nicht satt und kriegt im Supermarkt vor der Fleischtheke `nen Ständer. Sein Lieblingstier ist der Mettigel.

Paleo Einkaufswagen

Weil Schubladendenken aber scheiße ist und ich den Pagaden noch eine Chance geben will, google ich „Ernährung wie in der Steinzeit“. Sofort poppen eine Reihe von Blogs von überzeugten Paleoanern auf. So heißen die Pagaden nämlich wirklich. Und vom beschränkten Gyrosbudendauerkunden sind sie weit entfernt. Paleoaner legen, ganz wie viele Vegetarier und Veganer, äußersten Wert auf eine bewusste Ernährung. Dabei verzichten sie auf Milchprodukte, Getreideprodukte und Hülsenfrüchte. Also auf alles, was im Zuge von Ackerbau und Viehhaltung produziert wird. Sie sind überzeugt, dass der menschliche Verdauungstrakt nicht auf Lebensmittel, die man nicht essfertig in der Natur findet, ausgelegt ist. Fisch, Fleisch, Eier, Nüsse, Gemüse, Pilze und Früchte dagegen sind, so die Paleoaner, die Nahrungsmittel, auf die unser Körper durch die Evolution vorbereitet wurde. Dabei soll die Qualität der Lebensmittel im Vordergrund stehen, nicht die Quantität. Die Nahrungsmittel, die die Steinzeitfans essen, sind deswegen möglichst naturbelassen. Massentierhaltung ist daher ein No Go. Diese Ernährung wirkt sich laut dem Blogger Felix Olschweski signifikant auf das Wohlbefinden der Leute aus. Menschen, die sich wie in der Steinzeit ernähren, schreibt er auf seiner Seite, würden besonders schlank, leistungsfähig und überdurchschnittlich gesund werden.

Grundsätzlich klingt das ja erst einmal gar nicht schlecht: Bewusster zu essen und keine verarbeiteten und qualitativ minderwertigen Nahrungsmittel in sich hineinzustopfen. Lebensmittel mit viel Weißmehl oder Zucker tun auf Dauer und in Massen sicher keinem gut. Dazu kommt, dass Manche die Paleo-Ernährungsweise nur für einen bestimmten Zeitraum als Diät praktizieren. Denn mit den naturbelassenen Lebensmitteln, wenig Zucker und Kohlenhydraten lässt es sich gut abnehmen und den Blutzuckerspiegel senken.

Lebensmittel Tabelle Paleo

Eine Ernährung wie in der Steinzeit kann also positive Effekte haben. Doch die Behauptung, dass der Mensch nicht auf den Konsum von Milch- und Getreideprodukten ausgelegt sei, hält einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand: „Für die Annahmen, dass der Mensch genetisch nicht in der Lage sei, Milchprodukte, Hülsenfrüchte oder Getreide zu verarbeiten, gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg“, sagte die Ernährungswissenschaftlerin Ursel Wahrburg der Fachhochschule Münster dem Stern. „Der Mensch hat sich zum Allesesser entwickelt und war immer in der Lage, sich an verschiedene Nahrungsquellen anzupassen, die er in seiner jeweiligen Umgebung vorgefunden hat.“

Zwar haben die Paleoaner wenig mit Onkel Olaf vor der Hähnchenbude zu tun, sie leben sicher besser und gesünder als er. Trotzdem werde ich den Gedanken nicht los, dass sie sich so richtig auf dem Holzweg befinden. Klar, die Ernährung mit Fertigprodukten aus dem Supermarkt ist nicht gesund. Ernährungsphilosophien gibt es viele und jeder muss für sich herausfinden, was ihm am besten bekommt. Manchen Leuten bekommt eben die Paleo-Ernährung am besten. Auch klar. Aber wie kann man einerseits Massentierhaltung verurteilen und andererseits eine extrem fleischhaltige Ernährung propagieren? Wir müssten die Kühe und Schweine vermutlich bis zum Mond stapeln, würden alle Menschen sich ernähren wollen wie die Paleoaner. Zukunftsfähig scheint diese Ernährungsweise angesichts von Überbevölkerung und Welthunger jedenfalls nicht.

Text: XY
Illus: Sue